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Daggis Tagebuch – aufgeschrieben von Kurt Meran von Meranien am 27.04.2014
Weihnachtsgeschichten: Der Tannenbaum – Kartoffelsalat – Endlich ist es
vorbei
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16. Wochenendgeschichte Der Tannenbaum
Vor vier Jahren hatte ich eine Änderung für unser Weihnachten angestrebt. Und zwar in Bezug auf den Weihnachtsbaum und den Kartoffelsalat. Das ganze Jahr über freut sich alles auf Weihnachten. Jeder tut so, als ob es nichts anderes gibt, was das Jahr schön macht.
Also vor vier Jahren sah ich in einem Katalog von EuroTops einen kleinen Weihnachtsbaum, der mir sofort in die Augen stach. Ein Meter hoch, an den untersten Zweigen einen halben Meter Durchmesser. Die Nadeln aus Glasfaser. Wurde Strom zugeführt, sprangen bunte Blitze von Nadel zu Nadel. Vom tiefsten Blau bis glitzerndem Silber.
Ich bestellte den Baum im Oktober, vorsichtshalber gab ich die Adresse eines Kollegen an. Am 23. machte ich eine schöne große Schüssel Kartoffelsalat, die ich beim Nachbarn deponierte.
Um alles zu verstehen, muss ich nun über unsere Wohnung sprechen. Unsere Wohnung besteht aus 2 Teilen, und hat 10 (!) Räume. Zuerst hatten wir, wie jede normale Familie: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Wohnküche, Bad und einen Abstellraum. Der Abstellraum wurde Kleiderkammer genannt, da dort die Kleider von Heidi in deckenhohen Schränken gesammelt wurden. Als Cora kam, wurde in Janas Zimmer einfach ein zweites Bett gestellt und fertig. Aber eines Tages brauchten wir noch 2 Räume. Jana kam in die Pubertät und Heidi verlegte sich nachts, anstatt zu schlafen aufs Schnarchen. Auf unserer Etage gab es eine 2-Raumwohnung, bewohnt von einer alten Dame. Ich versuchte sie zu bewegen, auszuziehen und bot ihr sogar Geld an. Bevor ich noch ärmer wurde, brachte ihre unsensible Tochter sie in einer Seniorenresidenz unter. Problemlos konnte ich die Wohnung mieten. In die Verbindungswand kam eine Tür. Cora und ich zogen in die kleine Wohnung. Wir hatten einen separaten Eingang und waren der Familienkontrolle weitgehend entzogen. Das Wohnzimmer wurde zum „Salon“ umgestaltet. Allgemeiner Familientreff wurde die Wohnküche. Der Salon wurde nur an Feiertagen und bei Besuch benutzt. Ein ausgeklügeltes elektronisches Signalsystem brachte Heidi und mich nachts immer einmal zusammen. Mein Zimmer hatte einen Balkon zur Straße, die alte Wohnung einen zur Hofseite.
Weihnachten.
Der neue Weihnachtsbaum stand in seinem Karton in meinem Zimmer. Der Kartoffelsalat wartete im Kühlschrank des Nachbarn. Ich hatte das Wohnzimmer für mich allein. Der Baum war schnell aufgebaut. Jetzt wurde mir die Zeit lang! Ich hatte mir Kontrollbesuche verbeten. Anstatt wie üblich nach dem Abendessen die Bescherung durchzuführen, fiel Heidi plötzlich ein, sie nach dem Vesper zu machen. Es wurde eng. Ich sah auf die Uhr. Dann bat ich die Damen ins Wohnzimmer. Es waren nicht nur der Weihnachtsbaum, sondern auch meine Geschenkkartons aufgebaut. Die Vorhänge zugezogen. Der Baum leuchtete. Bei dieser Technik war Schmücken überflüssig. Die drei Damen stürzten herein und standen starr!
Jana und Cora waren nur verdutzt. Aber Heidi! Meine geliebte Gattin ist sehr groß. Aber jetzt blähte sie sich richtig auf. Fasziniert beobachtete ich, wie sie immer größer und dicker wurde. Sie glich mehr und mehr dem Drachen, den sie manchmal herauskehrte. Ich dachte, wenn ich das Fenster öffne, fliegt sie bestimmt davon. Andererseits könnte sie ja auch platzen und ich müsste die ganze Schweinerei entsorgen. Also ging ich vorsichtshalber raus.
Durch die offene Tür konnte ich beobachten, dass sich Jana und Cora für die Kartons zu interessieren begannen. Heidi schrie plötzlich: „Du elender Schweinehund. Das soll ein Weihnachtsbaum sein?“ Ich nickte und meinte versöhnlich: „Ich kann Dir die Rechnung zeigen. Da steht Tannenbaum mit optischen Fasern drauf.“ Sie schnappte die Mädchen und brüllte, jeden Widerstand erstickend: „Los wir besorgen jetzt einen richtigen Weihnachtsbaum. Und das Ding will ich nicht wieder sehen.“ Sie zogen sich ihre Straßensachen an und verschwanden. Wo sie gegen 17 Uhr Heiligabend einen Baum besorgen wollten, war mir schleierhaft. Ich baute das Bäumchen in meinem Zimmer auf. Holte den Kartoffelsalat und verteilte ihn in meiner Küche auf vier Teller.
Gegen 8 trafen die Baumbesorger verschwitzt und verzweifelt wieder ein. Jede mit einem jämmerlichen Sturzel. Ich begrüßte liebevoll die Damen: „Na Ihr Süßen, wie ich sehe habt ihr Erfolg gehabt. Seid ihr im Wald gewesen?“ Heidi kommandierte mit eiserner Miene: „Du Ungeheuer, uns so Weihnachten zu versauen! Du wirst jetzt alle drei Bäume schmücken, während wir zu Abend essen. Dann kannst Du Dich in Dein Zimmer verziehen! Weihnachten ist für Dich gelaufen.“ Ich lehnte das Schmücken ab: „Diesen Abfall könnt ihr selbst anputzen und in Eure Zimmer stellen. Ins Wohnzimmer kommt das Zeug nicht.“ Und ging. Ich war noch nicht einmal in meiner Wohnung, als ich gerufen wurde. Alle drei riefen. Sie standen vorm Wohnzimmer und trauten sich nicht hinein. Heidi stotterte schließlich: „Was soll denn das?“ Und ich: „Wenn es Euch nicht passt, dann schmeißt es weg.“ Und ging nun wirklich.
Da ich mit allem rechnen musste, und ahnte, dass ich wieder einmal Pech hatte, hatte ich vorsichtshalber eine Nordmanntanne gekauft.
Schön geschmückt aufgestellt, während die Weiber weg gewesen waren.

Bis zum nächsten Mal Euer
Dagoperth
*
Dagoperth erzählt

Wochenendgeschichte 15 Urlaubsplanung

Wenn man Sommerurlaub hört, denken die meisten Menschen sofort an Sonne, Bikinis und Meer.

Ich nicht! Dieses Jahr besonders nicht. Es begann alles ganz harmlos. Anfang Juli sagte mein Chef zu mir: „Daggi. Du wolltest doch schon immer einmal zur Kur. Diesen Wunsch kann ich Dir jetzt erfüllen. Die Auftragslage ist schlecht. Also ab zum Kurschatten.“ Ich starrte ihn völlig baff an. Dann sagte ich: „Wie kommst Du denn jetzt auf Kur? Ich wollte doch im August Urlaub haben.“ Er nickte, und sagte großzügig: „Du fährst erst zur Kur. Danach kannst Du Dich hier eine Woche betätigen und anschließend geht’s in den Familienurlaub. Heidi hat bestimmt nichts gegen Deine Kur. Ich hab auch beim Onkel Doktor schon vorgefühlt. Das wird eine Abspeckkur.“ Nun, ich hatte nichts gegen die Kur. Warum auch. Nur das blöde Grinsen der anderen Mitarbeiter störte mich. Irgendetwas stimmte hier nicht. Zu Hause freuten sich alle auf eine Erholung von meiner Anwesenheit. Ich fand das Verhalten meiner Familie gemein. Dann kam die bis jetzt ungeklärte Frage wieder auf, wohin wir im Urlaub fahren wollten. Heidi wollte zu einer Nilkreuzfahrt nach Ägypten. Jana nach Mallorca, Cora nach Griechenland – meine ganze Klasse fährt nach Griechenland meinte sie herausfordernd. Ich wollte in den Harz. Da wir uns nicht einigen konnten, wurde das Thema verschoben. Bis nach der Kur. Ich gewöhnte mich langsam an den Gedanken, mal drei Wochen Ferien von der Familie zu machen. Heidi versprach mir freundlich und großzügig mich nicht mit Kontrollbesuchen zu belästigen. Ich genoss die Zeit. Hätte ich gewusst, was nach der Kur los war, dann …! Ich kam nach drei Wochen kreuzfidel und um einige Kilo leichter nach Hause. Post hatte ich dort nicht bekommen. Ein paar Anrufe. Weiter nichts. Gespannt war ich nur auf die Urlaubsplanung. Die Damen hatten sich bestimmt geeinigt. Die Jahre zuvor hatte es auch immer Streit wegen der Urlaubsziele gegeben. Während der Kur hatte ich einen Familienvater kennengelernt, der das Problem auf seine Art löste. Er hatte eine Art Wahlurne gebaut. Jedes Familienmitglied schrieb sein Urlaubsziel auf einen Zettel, der in den Schlitz gesteckt in den Kasten fiel. Ein Glücksbringer wurde gewählt, der einen der Zettel herausfischen musste. Das Ziel, welches auf dem Zettel stand, wurde ins Auge gefasst. Grinsend meinte er: „Und so fahren wir immer dahin, wohin ich will.“ Später erklärte er mir den Trick mit dem Kasten. Und noch etwas später bauten wir einen für mich. Einen richtigen Zauberkasten.

Als ich nach Hause kam, wurde ich zwar stürmisch, aber auch etwas anders als normal begrüßt. Besonders Heidi hielt sich zurück, was sonst gar nicht ihre Art war. Und dann merkte ich es: Heidi hatte sich heimlich ihre Brüste vergrößern – oder wie sie es nannte – straffen lassen! Wäre ich gefragt worden, ich hätte nie zugestimmt. Jetzt zu schimpfen war sinnlos. Ich zuckte nur mit den Schultern. Meine einzige Konsequenz war, dass ich für alle drei Weiber die Tagesprämien für das Verhalten mir gegenüber, wegen Vertrauensbruch, für das ganze Jahr strich. Für die drei Damen würden die Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke sehr mager ausfallen. Über das Urlaubsziel hatten sie sich noch nicht geeinigt. Nur wollte Cora inzwischen nicht mehr nach Griechenland, sondern in die Türkei. Also musste der Zauberkasten ran.

Bei einer richtigen Wahlurne liegt über dem Schlitz ein Blatt Papier oder ein Brettchen. Bei meiner glitt in Führungsleisten das Brettchen hin und her. Der Kasten war in der Seitenansicht rechteckig und in der Draufsicht quadratisch. Alle Seiten waren bunt bemalt, wobei jede Seite das gleiche gekringelte Muster hatte. Im Grunde genommen sah der Kasten fast so aus wie eine hölzerne Kaffeemühle. Oben ohne halbrunden Aufsatz und ohne Kurbel. Unten mit einer Schublade. Ich stellte visitenkartengroße, auf steife Pappe geklebte Etiketten her. Auf jedem Etikett stand das Urlaubsziel in der gleiche Schrift, Farbe und Größe. Am dritten Tag nach meiner Heimkehr versammelten wir uns im Wohnzimmer, um feierlich das Urlaubsziel zu wählen. Während ich die „Wahlurne“ etwas schräg hielt, damit die Wahlpappen gleich umfielen, wie ich erklärte, steckte jeder seine Pappe in den Schlitz. Der Boden des Schubfachs war aus dünnem „klingendem“ Holz. Wir hörten deshalb, wie die einzelnen Pappen im Schubfach ankamen und umfielen. Langsam zog ich das Fach heraus. Alle vier Pappen lagen mit der Rückseite nach oben. Cora, die gewählte Glücksfee stach mit einer langen Stopfnadel eine Pappe an und hob sie heraus. Ich schob das Fach wieder in den Kasten. Auf der Pappe stand groß und dick: GRAZ! Die drei Damen sahen mich verblüfft an. Dann fragten sie dreistimmig: „Wie kommt die Karte in den Kasten?“ Ich sagte ruhig: „Nicht nur Cora hat es sich anders überlegt, ich auch!“ Zu allem Überfluss gab ich dann noch bekannt, dass ich zwei Einbettzimmer und ein Zweibettzimmer vorgesehen hätte. Allerdings könne das Zweibettzimmer noch in Einbettzimmer getauscht werden. „Unser Hotel liegt nicht in Graz, sondern in Übelbach. Das ist ein idyllisch gelegener kleiner Ort.“ Heidi vermutete einen Trick, und zog das Schubfach erneut auf. In ihm lagen drei Pappen. Als sie diese umdrehte, lasen wir: Nil, Mallorca, Türkei! Seufzend schob sie das Schubfach wieder in den Kasten. Wir wählten die Einbettzimmer und verlebten vierzehn schöne Tage in Österreich.

Der Kasten wurde von mir unter strengem Verschluss aufbewahrt. Er kam nur beim Wählen des Urlaubszieles zum Einsatz.

 

Ich habe nie den Trick verraten: Es existierten zwei Schubladen! In eine fielen die Pappen und in der anderen lagen vier Pappen mit dem gleichen Ziel – meinem Ziel.

 

Bis später Euer Dagoperth

02.09.2015

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14. Wochenendgeschichte 26.11.2017

Paula
Paula ging in ihren Garten. Immer wenn sie ungestört allein sein wollte, suchte sie ihren Garten auf. Einige Zeit nachdem ihre Eltern sich vor fünf Jahren scheiden ließen, grenzte sie sich im großen Hausgarten ein Stück ab.

Ihre Familie bewohnte ein kleines Einfamilienhaus am Rande der Stadt. Der an das Haus angrenzende Garten, den ihr Vati zusammen mit ihren beiden älteren Brüdern immer gepflegt hatte, verwilderte langsam. Er war mit ihren Brüdern ausgezogen und sie lebte mit ihrer Mutti allein. Sie hatte damals viel Kummer. Sie konnte überhaupt nicht verstehen, warum plötzlich so alles anders wurde.
Paula brauchte Abwechslung und eine Aufgabe.

Und eines Nachmittags begann sie mit Hacke und Spaten im Garten zu arbeiten. Ganz hinten, weit weg vom Haus und der Straße grub sie um. Als der Gartennachbar merkte was da vor sich ging, kam er herüber. Mit seiner Hilfe war schnell ein großes Stück umgegraben. Sie steckten zusammen Rabatten und andere Flächen ab. Später arbeitete sie meist allein. Ihre Mutti kümmerte sich überhaupt nicht darum, was sie im Garten machte. Nach einiger Zeit nahm ihr eigener kleiner Garten Gestalt an. Überall und zu jeder Zeit, blühten vielfarbige Blumen. Um eine Sitzecke herum standen dicht an dicht Rosenbüsche. In ihnen summte und brummte es. Paula hatte die Biologielehrerin angesprochen. Die hatte ihr zwar manches erklärt, aber ihr gefiel der lehrhafte Ton nicht. Als sie einmal mit ihrer Mutti im Tiergarten war, hatte sie nicht nur die Tiere, sondern auch die gepflegten Anlagen bewundert. In ihrem Garten versuchte sie das gesehene umzusetzen. Als Vati und ihre Brüder sie bei einem Besuch einmal gesucht hatten, waren sie erstaunt über das, was es in dem kleinen Garten gab. Aber auch ihre Schulkameraden besuchten sie manchmal. Gern machten ihre Freundinnen zusammen mit ihr die Schulaufgaben im Garten. Die Sitzecke wurde erweitert und ausgebaut. Als ihre Freundinnen in der Klasse vom Garten erzählten, konnte sie sich eigentlich nicht mehr über fehlende Hilfe beklagen. Der Nachbar, die Brüder, die Freundinnen und ab und zu ein Schulkamerad halfen bei den Gartenarbeiten. So schüchtern sie sonst war, im Garten war sie die Chefin. Die Anderen konnten Vorschläge machen und Helfen, Bestimmer war Paula.

Sie ging jetzt auch öfter in den Tierpark. Eines Tages hatte sie sich ein Herz gefasst und einen Zoomitarbeiter angesprochen. Dieser verwickelte sie in ein Gespräch über das Zusammenleben von Tieren und Pflanzen und zeigte ihr verschiedenes. Was ihr besonders gefiel, war, dass er sie nicht belehrte, sondern von gleich zu gleich mit ihr sprach. Sie lernte die anderen Zoomitarbeiter kennen und lud eines Tages ein bisschen verlegen in ihren Garten ein. Hier zeigte sie stolz ihr Refugium.

Der gesamte Garten hatte sich erholt. Alle Besucher hatten geholfen, aus der verwilderten Einöde einen Hausgarten und aus Paulas Stück ein Kleinod zu machen. Vati hatte einen großen Marktschirm spendiert. Die Brüder hatten um die Sitzecke herum ein halbkugelförmiges Drahtgitter gebaut und mit Schlingknöterich bepflanzt. Der Knöterich hatte bald die Sitzecke überwuchert. So war eine romantische Laube entstanden. Auf Vorschlag der Freundinnen waren ein Badeteich und ein kleiner Fischteich angelegt worden. Die Klasse hatte gesammelt und ihr zum Geburtstag mehrere Koys geschenkt. Ein winziger Rasen lud zum Hinlegen ein. Auch einen Grillplatz gab es. Bei Dunkelheit leuchteten solarbetriebene weiße und farbige Lampen an den Wegen und zwischen dem Knöterich.
Die Zoomitarbeiter waren begeistert.
Sie machten einige Vorschläge und spendierten wenig später exotische Pflanzen und einen kleinen Papagei, dessen Lieblingsplatz die linke Schulter Paulas wurde.

Papa und die Brüder fanden sich jetzt fast jedes Wochenende ein. Sie brachten immer etwas mit. Grillzeug, Pflanzen, Steine. Um Wege zu sparen übernachteten sie im Haus. Paula bestand darauf, dass gemeinsam gegessen wurde.

Sie bemerkte, dass Mama wieder lächeln konnte und die Männer bei der Gartenarbeit fröhlich waren.

Kurt Meran von Meranien 06.03.2011

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13. WE-Geschichte 18.11.2017

Hobbyraum - aus Kurt erzählt

Den ganzen lieben langen Tag allein mit Marianne! Furchtbar! Mein Rentenleben fing verstörend an. Im Sommer mochte es noch gehen, da konnte man sich in der Gartenanlage auch mal aus den Augen verlieren. Aber im Winter! Puh! Also sann ich darüber nach, wie ich mir Freiraum schaffen konnte.
Hobbyraum!
Unser Keller war riesengroß! Da konnte man doch einen Raum abteilen. Los ging es. In kürzester Zeit hatte ich alles geschafft. Mein Hobbyraum hatte sogar einen  separaten Eingang. Marianne sah allem mit scheelem Blicken zu. Ich hatte sie im Verdacht, sie wolle irgendeinen Sabotageakt starten. Und natürlich, ich hatte mich nicht getäuscht.
Ein paar Tage nach der Einweihung stellte sie fest, dass genug Platz für einen zusätzlichen Schrank mit Spiegel war. Sie wollte alte Kleider, die sie z.Z. nicht mehr anzog bei mir lagern!

Anstatt mich in Ruhe basteln zu lassen,  stand sie dauernd vor dem Spiegel und probierte Kleider an. Aber was im Keller gut aussah und passte, gefiel ihr bei Licht im Schlafzimmer nicht mehr. Also kam sie wieder. Beim Anprobieren fragte sie dauernd ob sie mich nicht störe, oder ob sie niemand so sehen könne, vor allem wenn sie sich umziehe.
Mir langte es langsam.
Ich sagte ihr, dass sie schon Reizwäsche anziehen müsse, um mich zu stören. Und ich bezweifelte, dass es in Ihrer Größe überhaupt Reizwäsche gäbe.

Verzweifelt suchte ich einen Ausweg aus diesem nervenaufreibenden Dilemma. Eines Tages, sie hatte mir wie immer in den Ohren gelegen mit der ängstlichen Fragerei, ob die Tür richtig zu sei damit sie niemand ausgezogen sähe, warf ich sie raus. Beim Rausgehen fiel sie fast über ein im Kellergang stehendes altes Sofa, was sie vorher gar nicht bemerkt hatte.

Ha! Ich hab’s! Du  guckst mich nicht mehr an, weil du eine Andere hast! Poussierst hier mit ihr im Keller! Pfui!

Quatsch! Das Sofa ist für Notfälle!

Was denn für Notfälle ?
Ganz einfach. Wenn dich jemand beim Umziehen sieht, und in Ohnmacht fällt, fällt er nicht so tief! Außerdem hab ich’s dann leichter bei der Wiederbelebung!

Kurt Meran von Meranien 15.03.2007
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12. Wochenendgeschichte am 10.11.2017

Das Schloss
Ich saß dösend auf der Sonnenterrasse, die sich an den Salon anschloss, als Marianne auf mich zustürzte. Ehe ich  etwas sagen konnte sprudelte sie los: „Kurt, Kurt wir müssen eine neue Versicherung abschließen!“
Ich sah sie fragend an. Marianne nahm diesen Blick als Aufforderung: „Man kann sich jetzt endlich gegen Frust versichern. Dass wollte ich schon lange. Jetzt geht es endlich.“ Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Marianne sprach aufgeregt weiter: „Ruf unseren Versicherungsfritzen an. Er soll herkommen und uns versichern.“ „Nun einmal langsam. Ich verstehe überhaupt nicht, was Du willst. Gegen Frust kann man sich nicht versichern. Wenn es das gäbe, hätte ich es längst getan.“ Marianne war nicht aufzuhalten: „Das ist mir klar, dass Du nichts verstehst! Du kehrst immer den klugen Kerl heraus, aber in Wirklichkeit bist Du ein ahnungsloser Versager.“ Ich donnerte die Faust auf den Tisch. „Ruhe jetzt, oder ich vergesse dass Du meine Gattin bist." Als ich damals auf der Kreuzfahrt das viele Geld gewonnen hatte, hatten wir unsere Wohnung in der Stadt aufgegeben. Und ich hatte eine kleine Villa, schön weit weg von Leipzig gekauft.
Unser Haus hatte im Erdgeschoss eine große Wohnküche, Bad mit Toilette, eine Gästetoilette und zwei Wohnzimmer. Marianne war allerdings der Meinung, dass das größere Zimmer der „Salon“ war. Durch den Salon gelangte man auf die Terrasse. Sie hatte damals völlig ernst gesagt: „Kurt, da wir hochadlig sind, verkehren wir mit unseren Gästen im Salon.“ Zu diesem Blödsinn hatte ich geschwiegen. Als zu meinem Geburtstag kein Besuch kam, hatte ich mich solange gewundert, bis ich mit einem meiner alten Freunde telefoniert hatte. Er sagte am Telefon: „Ich komme nie mehr zu Deinem Geburtstag. Ihr seid ja übergeschnappt!“ Er schickte mir die Einladung die Marianne verbrochen hatte. Marianne hatte Einladungskarten drucken lassen und allen zugestellt. Ich war einem Tobsuchtsanfall nahe, als ich folgendes lesen musste: 'Kurt Freiherr Meran von Meranien und Gemahlin geben sich die Ehre, sie auf ihrem Wohnsitz Schloss Schweineck begrüßen zu dürfen!' Nun war mir klar, warum keiner unserer Bekannten ihre Drohung, uns zu besuchen war gemacht hatte.
Ein paar Tage nach dem Gespräch über die Frustversicherung, läutete es an unserem Tor. Unsere Villa lag etwas einsam auf einer riesigen Waldwiese, umgeben von einer Mauer. Ich hatte einen glorreichen Gedanken gehabt, und ihn mit Hilfe des Forstbetriebes umgesetzt. Um die Mauer herum wurde ein breiter und tiefer Graben angelegt. Über den Graben führte eine Zugbrücke. Geschützt durch ein Außenwerk, mit zwei Türmchen. Dadurch ähnelte unser Grundstück einem befestigten Schloss. Die Forstarbeiter hatten eifrig beim Bau mitgemacht und eigene Gedanken zur Ausführung beigesteuert. Für alle, außer Marianne war es ein großer Spaß gewesen. Der Zugang zu unserem Gelände war nicht ganz ungefährlich. Wir hatten mehrere Schweinesuhlen angelegt. Die Wildschweine hatten sie freudig angenommen. Ich verstand mich ganz gut mit ihnen. Sie grunzten zur Begrüßung, wenn sie mich sahen. Der Förster hatte mit ernster Miene gesagt: „Die Schweine erkennen Ihresgleichen.“ Die Forstarbeiter hatten gegrinst. Ich wusste nicht so recht, was ich zu dieser Bemerkung sagen sollte. Fest stand, dass es in unserer Nähe keine ungebetenen Fremden gab. Der Zufahrtsweg zum Grundstück lag höher als die Suhlen und hatte an den Seiten Zäune. Fünfzig Meter vor dem Tor hatte ich breite Stahlroste in den Weg eingelassen. Für Schweine eine unpassierbare Barriere.
Nachdem der Besucher den Grund seines Läutens genannt hatte, drückte ich verschiedene Knöpfe. Öffnen des Außentores. Herablassen der Brücke. Öffnen des Tores in der Mauer. Dem haltenden Auto entstieg ein  Mann mittleren Alters.  Er war etwas blass um die Nase. Mehrere Wildschweine hatten den Weg zum Grundstück kontrolliert. Sie waren die vorgeschobenen Posten. Feindlich gesinnte Gäste erkannten sie und ließen sie nicht durch.
Der Mann war der Versicherungsfritze! Marianne hatte ihn ohne mein Wissen bestellt.
Nach einer kleinen Stärkung begann er unsere Versicherungsunterlagen, Marianne hatte alles bereitgelegt, durchzusehen. Er blätterte und blätterte und machte sich Notizen. Ich sagte kein Wort. Marianne auch nicht. Unter was für einem Vorwand sie ihn auch bestellt hatte, einmal musste sie ja von der „Frustversicherung“ anfangen.
Der Mensch war fertig. Er sagte mit anerkennendem Ton: „Herr und Frau Meran, sie haben ja alles was sein sollte."
 
Und jetzt kam Mariannes große Stunde! Sie sagte laut und deutlich: „Herr Ring“, der Name passte gut zu der Versicherung, „wir haben sie hergebeten, um mit ihnen über die neue Versicherungsmöglichkeit, die Frustversicherung zu reden.“ Als sie „wir“ sagte, hatte ich ihr einen passablen Tritt versetzt. Herr Ring starrte Marianne an. Dann sah er zu mir. Ich zuckte mit den Schultern und sagte: „Meine Gattin hat davon gehört, und möchte nun kompetent beraten werden.“ Herr Ring sagte immer noch nichts. Es war still im Salon. So still, dass wir Männer das Geräusch hörten, das entstand, als Marianne sich ihr Schienbein massierte. Herr Ring holte mehrmals sehr tief Luft. Dann begann er über seine Versicherung zu sprechen. Er sprach langsam und artikuliert. In der fast einstündigen Rede kam das Wort "Frustversicherung" kein einziges Mal vor. Marianne sah ihn gespannt an. Ich grinste. Und dann explodierte der Herr. Er konnte sich einfach nicht mehr beherrschen. Brüllend beschwerte er sich mit ausgewählten Worten des Schulhofjargons. Mariannes Gesicht wurde immer länger. Ihre Gestalt schrumpfte. Ich stoppte den Mann schließlich und nahm ihn mit nach Nebenan. Hier verabreichte ich ihm einen großen Drink, nahm ihn mit zu einem Rundgang und zeigte ihm auch die lieben Wildschweine.
Er versprach mir, nie wieder zu uns zu kommen.

Am nächsten Tag erzählte ich den Forstarbeitern, dass bei der Versicherung des Herrn Ring die Frustversicherung im Sonderangebot wäre. Hätten sie Ärger zu Hause oder mit dem Förster, sollten sie das überaus günstige Angebot nutzen.
Einen Monat danach bekam ich Post aus Hamburg. Die Leute versprachen mir eine besonders günstige Absicherung, wenn ich ihren Namen nie wieder in den Mund nähme.

Kurt Meran von Meranien 16.09.2009  

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Wochenendgeschichte 11 am 3.11.2017

Heimwerken
Ich stehe in Bad Schmiedeberg auf dem Markt. Das Geschäft läuft langsam an. Eine Dame mittleren Alters bleibt angelockt von meinem Aussehen, ich bin ganz in weiß, stehen. Wenn ich auf dem Markt bin, trage ich einen langen weißen Kittel und einen weißen Hut. Die Dame studiert meine Plakate. Ich lasse sie erst einmal lesen und spreche sie dann an. An meinem Stand kommt niemand vorbei, ohne von mir lautstark angesprochen zu werden. So ruhig, zurückhaltend und schüchtern ich sonst bin, auf dem Markt kenne ich kein Pardon! Ich halte der Frau zwei offene Dosen unter die Nase, und rühme die Teufelskralle. Teufelskralle wirkt bei Rückenschmerzen, und anderen Gelenkschmerzen durch Arthritis, Arthrose, Osteoporose und Gicht! Die Frau ist sehr interessiert, bemerkt aber seufzend, dass sie leider niemanden hat, der ihr den Rücken einreiben würde. Aber das ist doch gar kein Problem, sage ich lächelnd. Wir machen einen Termin und ich reibe ihnen kostenlos ihren Rücken ein. Sie sieht mich erstaunt an, und meint etwas ablehnend, das ist doch ein Gag, oder? Aber nein, ich komme gerne, ich werde sie doch nicht Leiden lassen! Sie kauft mir eine Dose Teufelskralle ab. Dann sagt sie schnippisch, ich habe nicht nur Rücken-, sondern auch Knieschmerzen, und meine Knie kann ich mir alleine einreiben. Und geht. Ein älteres Ehepaar, der Mann hinkt, bleibt kurz stehen und guckt. Ich spreche beide an. Knurrt der Alte, was erlauben sie sich denn, wir sind zur Kur hier und brauchen ihren Mist nicht! Nun dann hängen sie sich gefälligst ein Schild mit dem Wort Kurgast um den Hals! Woher soll ich wissen warum sie hier sind! Außerdem scheint ihnen die Kur nicht zu helfen, aber meine Teufelskralle hilft bestimmt! Wer sie einmal probiert hat, möchte sie nie mehr missen. Bei manchen Leuten reisen die Schmerzen schon aus, wenn sie nur die Dose in die Hand nehmen! So geht es den ganzen Vormittag. Manche kaufen gleich mehrere Dosen, andere blödeln nur herum. Man kennt mich auf den Märkten. Ich bin der Hutmann, und so werde ich von den anderen Händlern und meinen Stammkunden auch begrüßt. Gegen 15 Uhr klingelt mein Handy. Die Dame von vorhin. Ob ich ihr wirklich helfen würde? Aber freilich, antworte ich. Sagen sie mir bitte Namen und Adresse und ich bin in Kürze bei ihnen! Adresse und Weg sind schnell notiert. Dann packe ich flugs mein Zeug ein und fahre los.
Als einer der Schwarzen sieht, dass ich schon einpacke, ruft er so laut, dass es über den ganzen Markt schallt, der Hutmann macht einen Hausbesuch. Ich zeige ihm einen Vogel und bin weg. Schnell habe ich das Haus gefunden. Ein kleines altes aber gut aussehendes Häuschen. Ich steige aus und gehe mit meinem Köfferchen, das ein großes grünes Kreuz ziert, zum Haus und klingle. Sofort wird geöffnet. Die Dame steht verlegen in der Tür. Ich verbeuge mich und trete so nahe an sie heran, dass sie mir sofort den Weg freigibt und mich ins Wohnzimmer bittet. Hier ist ein Kaffeetisch für zwei gedeckt. Ich lasse es mir gut gehen und sehe mich um. Sie fragt, wie es weiter geht. Ganz einfach, sage ich. Hier auf dem tollen hellen Sofa nicht. Es wäre Schade, wenn ein Fleck den Bezug verzieren sollte. Erschreckt schaut sie mich an. Was denn für Flecke? Ich grinse unverschämt, und sage dann aber harmlos, na, von der Einreibe! Erleichtert lächelt sie. Schön wäre es, wenn sie einen großen stabilen Tisch hätten. Sie schüttelt ihren Kopf. Dann bleibt wohl nur das Schlafzimmer, sage ich. Dann fordere ich sie auf, bitte Duschen sie vor der Massage heiß, dann kann die Teufelskralle schneller wirken. Wir sind fertig mit Kaffeetrinken. Sie steht auf, und sagt, ich gehe duschen. Ich frage höflich lächelnd, ob ich behilflich sein kann. Nein! Ich komme dann wieder hier ins Wohnzimmer, und schenkt mir ein Glas kaltes Wasser ein, was ich auch dringend nötig habe! Nach einer Weile höre ich etwas. Ich trete auf die kleine Diele. Alle Türen sind nur angelehnt. Es ist kein Laut zu hören. Das Bad ist am Aufkleber schnell erkannt. Ich klopfe und frage, haben sie gerufen und öffne die Tür ganz. Sie steht nackt vor der Wanne und sagt nein, ich habe doch gesagt, ich komme allein zu recht! Ich sehe  näher hin. Sie ist gar nicht nackt. Sie hat irgendetwas aus Gaze oder so an. Ich finde, das sie für ihr scheinbares Alter, ich habe natürlich nicht danach gefragt, eine schöne straffe Figur hat. Und denke verdrossen, ich Pinsel, warum habe ich so lange gezögert. Meine Masche mit der Badewanne kann nun ich vergessen! Na, da bin ich ja beruhigt, sage ich. Ich dachte schon, es wäre ihnen etwas passiert. Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. Ach wissen sie, sagt sie, da sie einmal stehen, können wir auch gleich ins Schlafzimmer gehen. Die Tür gegenüber. Das Schlafzimmer in Hellblau spricht mich angenehm an. Ein breites französisches Bett. Hellgraue Möbel. Die Tagesdecke des Bettes ist zur Hälfte zur Seite umgeschlagen und auf der Bettdecke liegt ein Laken. Sie setzt sich auf das Bett.
Ich sehe mich suchend um. Sie fragt, brauchen sie etwas? Ja, ein kleines Handtuch. Wozu brauchen sie jetzt ein Handtuch, fragt sie verdutzt?
Ich erkläre ihr, dass sie dann ihre frisch eingeriebenen Knie auf das Handtuch legen könne. Ohne aufzustehen sagt sie, im Schrank hinter ihnen sind welche. Suchen sie sich aus, was sie brauchen. Ich drehe mich um, und suche. Als ich mich mit einem Gästehandtuch in der Hand wieder zum Bett drehe, bin ich starr! Alles an mir ist starr und steif! Sie liegt nackt auf dem Bett! Das linke Bein ausgestreckt, das rechte aufgestellt und angewinkelt. Die Beine sind leicht geöffnet! Huhh! Die Hände hat sie unter den Kopf gelegt. Ich kann sie mir nun endlich genau ansehen, und lasse mir dabei Zeit! Wirklich eine gute Figur. Alles schön glatt und straff. Sie hält, Gott sei es gedankt nichts von Landingstrip, oder so. Mutig geniest sie meine  Blicke. Schließlich sagt sie, reiben sie mir bitte zuerst meine Knie ein. Beide. Ich schiebe das linke Bein zur Seite, hebe das rechte Bein hoch und nehme zwischen ihren Beinen Platz. Dann lege ich das rechte Bein im spitzen Winkel über meinen Schoß. Zu ihr sage ich erklärend, jetzt brauche ich mich nicht zu bücken. Dann beginne ich mit dem Einreiben. Gedanken jagen durch meinen Kopf! Wie groß ist ein weibliches Knie? Wie weit geht es? Wie geht es anschließend weiter? Was kann ich riskieren? Dabei sehe ich sie öfters an. Natürlich berauscht mich dabei weniger ihr Gesicht, sondern mehr das, was sich in meiner greifbaren Nähe präsentiert. Ohne zu einem Entschluss zu kommen, nehme ich das andere Bein, schwenke es über meinen Kopf und lege es neben das fertig massierte. Wieder überlege ich beim Einreiben. Meine Hände massieren jetzt nicht mehr nur unmittelbar ihre Knie. Sie windet sich erregt. Ihre Brustwarzen haben sich steil aufgerichtet. Mit den Knien bin ich fertig. Aber meine Hände sind von der Einreibe klebrig. Ich müsste sie waschen. Aber verdammich! Ins Bad gehen wäre jetzt taktisch unklug! Was zum Teufel mache ich jetzt?  Um Zeit zu gewinnen, schwenke ich ihre Beine langsam und natürlich einzeln über meinen Kopf zurück und lege sie nebeneinander auf das Bett. Sie räkelt sich aufreizend. Da sie sich nicht in Bauchlage dreht, beuge ich mich zu ihr herunter, um zu küssen. Um zu küssen!
Meine Lippen berühren ihre Schenkel, als ich einen furchtbaren Schlag spüre!


Als ich wieder zu mir komme, lieg ich auf dem Fußboden! Benommen richte ich mich auf,  Ich sehe mich suchend um. Wo ist die Frau? Wo ist meine Brille?
Ich stehe auf. Hier sieht es aber wüst aus. Das Bettzeug ist vollkommen verwürcht und verrutscht! Ich sehe an mir herunter. Was habe ich denn an? Einen Schlafanzug?
?
Verflucht, ich habe alles nur geträumt.
Ich bin zu Hause!
Beim Träumen aus dem Bett gefallen und mit dem Kopf aufgeschlagen!

Ich sehe zur Uhr. Halb fünf.
Mensch, heute ist Dienstag, da ist Wochenmarkt in Bad Schmiedeberg.
Nichts wie ins Bad, um halb acht muss ich zur Standverteilung durch den Marktleiter dort sein!
War der Traum vielleicht eine Voraussage?

Kurt Meran von Meranien 07.07. 2007

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10. Wochenendgeschichte 28.10.2017

Der Schwiegersohn

Wenn das Gespräch auf Schwiegersöhne kam, setzte Karl immer eine grimmige Miene auf. Eines Tages fragte seine Bekannte Jasmin einmal nach dem Grund.

Karl erzählte:

"Meine Tochter Carla ist in Hässwiese verheiratet. Sie lebt dort mit ihrem Mann Jochen und ihrer Tochter Jessica in einem eigenen Haus.
Hässwiese ist ein kleiner Ort im Brandenburgischen. Es besteht aus einem alten und einem neuen Ortsteil. Natürlich gibt es ein Schloss. Die Kirche steht im alten Ortskern mit Katen und kleinen Siedlungshäusern. Im neuen Ortsteil wurden rund um die neugebaute Schule und den Kindergarten moderne Einfamilienhäuser gebaut.
Die Familie wohnt in einer engen Straße. So eng, dass sich Autos nicht begegnen können. Die Vorgärten sind sehr breit. Neben jedem Haus – Doppelhaus - steht ein Carport. Die Carports sind offen. Hinter jedem Haus gibt es einen kleinen Garten mit Terrasse direkt am Haus. Man kann durch den Carport und durch den Garten ins Haus gehen.
Die Häuser sind Einheitsbauweise mit Erdgeschoss und zwei Etagen.
Im Erdgeschoss gibt es eine Gästetoilette mit Waschbecken, ein großes Wohnzimmer und eine amerikanische Küche. Vom Wohnzimmer aus gelangt man auf die Terrasse und zu den Stockwerken.

Die amerikanische Küche macht sich toll beim Kochen und Braten.
Trotz einer Abzugshaube weht beim Kochen und Braten der Küchendunst durchs ganze Haus. Die Treppe ist vom Wohnzimmer durch einen schweren, dichten Vorhang getrennt. Der jeden Laut schluckt und Wärme dämmt. Aber nur nachts zugezogen wird.
In der ersten Etage sind das Schlafzimmer, das Kinderzimmer, ein Gästezimmer und das Bad. In der zweiten Etage ist das Arbeitszimmer von Jochen.

Ich bin einige Male in Hässwiese gewesen.

In der ersten Zeit parkte ich mein Auto auch unter dem Carport.
Kam ich an, bevor Jochen da war und fuhr mein Auto rein, kam er dann immer mit grimmiger Miene, wütend schnaubend ins Zimmer. Verlangte knurrend meinen Autoschlüssel und rangierte die Autos um. Seins als erstes, meins als zweites unter dem Carport.
Wenn ich wegfuhr, musste er mein Auto auf die Straße fahren. Es war riskant, wenn ich selbst rausfuhr. Jochen schimpfte mich dann einen Versager, wenn ich den gegenüberliegenden Vorgarten touchierte. Fuhr er mein Auto auf die Straße, landete er regelmäßig im anderen Vorgarten.

Ich gewöhnte es mir später an, mein Auto am Ende der Straße abzustellen. Da war es keinem im Weg und ich konnte problemlos hin und herfahren.

Noch später übernachtete ich meistens im Nachbarort und kam nur zum Essen nach Hässwiese.

Samstagsmorgen stand Jochen erst gegen zehn Uhr auf. Bis dahin hatte im Haus absolute Stille zu herrschen. Damit er mitbekam, ob jemand sein Gebot übertrat, stand die Schlafzimmertür auf. Nach dem Aufstehen musste so schnell wie möglich Toilette gemacht werden. Er natürlich als Erster. Dann kam seine Frau, dann die Tochter und zu letzt der Gast. Wurde diese Reihenfolge nicht eingehalten, gab es Krach. Wollte der Gast auf Toilette, musste er, auch nachts, die Gästetoilette im Erdgeschoss benutzen. Die wurde nicht beheizt und hatte ein Fensterchen zur Straße, welches meist offenstand. Das war vor allem morgens sehr angenehm. Solange ich im Haus schlief, benutzte ich sie immer und machte in ihr, nach schlechter Erfahrung im Bad, auch Katzenwäsche.

Im gesamten Haus wurde gespart. Die Temperatur lag in allen Räumen, zu jeder Jahreszeit im Durchschnitt bei fünfzehn Grad. Dabei von sieben Uhr bis siebzehn Uhr bei dreizehn  Grad. Jochen schimpfte immer mit seiner Frau, wenn er feststellte, dass es im obersten Zimmer wärmer als im Wohnzimmer war. Angeblich hatte sie im oberen Zimmer, dort stellte sie bei schlechtem Wetter oder nachts den Wäscheständer auf, die Heizung hochgedreht. Dass Wärme nach oben steigt, konnte er nicht begreifen.
Ab zwanzig Uhr wurde in Familie ferngesehen. Alle platzierten sich auf der großen Eckcouch im Wohnzimmer. Morgens kroch Jochen auf dem Fußboden herum und suchte nach Kratzern im Parkettfußboden und nach Krümeln auf der Couch.

Interessant war das Verhalten der Familie nach meiner Ankunft. Ich trudelte meist nach Siebzehnuhr ein.
Meine Tochter Carla sagte nur: „Setz Dich.“ Gemeint war, ich sollte mich im Wohnzimmer auf den linken Rand der Couch setzen. Damit der Bezug nicht lädiert wurde, lag dort eine alte Schlafdecke. Jochen bekam ich bis zum Abendessen um neunzehn Uhr nicht zu Gesicht. Jessica kam kurz zu mir. Gab mir ein Kuss und verschwand wieder in ihr Zimmer. Zu Essen oder etwas zu trinken bekam ich nach meiner Ankunft nicht. Selbst durfte ich mir auch nichts nehmen. Die Getränke lagerten in einer kleinen Abstellkammer neben der Treppe. Die Kammer durfte ich nicht betreten. Ebenfalls war es verboten, in der Küche etwas anzufassen. Ich hatte einmal Samstagsmorgens eine Tasse Wasser getrunken. Als ich sie in die Spülmaschine tat, erwischte ich das falsche Fach. Als Jochen sie später ausräumte, regte er sich darüber furchtbar auf. Ich hatte nicht den Mut zuzugeben, dass ich der Sünder gewesen bin. Ich rührte danach absolut nichts mehr an. Alles, selbst die Fernsehzeitung, hatte seinen bestimmten wohl unsichtbar markierten Platz, der unbedingt zu beachten war.

Beim Abendbrot passte Jochen auf, dass ich nicht zu viel in mich aufnahm. Genauso, wie er mir abends die Getränke zuteilte. Meist bekam ich, als Weintrinker, zwei, drei Glas Wein. Einmal hatte ich leider drei Flaschen Bier getrunken. Das nahm er mir übel und sagte es mir auch sehr deutlich: „Für Dich ist Wein da. Das Bier trinken wir.“
Dass ich selbst aufpasste und nicht zu viel trank, wenn ich am anderen Morgen wieder wegfuhr, interessierte ihn nicht. Kam ich zu Geburtstagen und er hatte seine Kollegen und Freunde eingeladen, durfte ich an den Feiern nicht teilnehmen. Einmal hatte ich ihm am Vorabend der Feierlichkeiten ein wertvolles Sachbuch geschenkt, welches nicht im Handel erhältlich war. Er freute sich sehr, sagte dann aber: „Morgen Nachmittag kommen meine Freunde zur Feier. Du kennst sie nicht. Deshalb fährst du spätestens morgen Mittag wieder heim.“ Ich freute mich sehr und verlies die ungastliche Stätte schon am nächsten Morgen vor dem Frühstück.

Als ich sehr viel später dass nächste Mal dort war, wurde ich bereits am selben Tag entfernt. Wir hatten schön Abendbrot gegessen. Während des Essens hatte er meine Stimmung aufgefrischt, in dem er sagte: „Du hast aber viel Chili con Carne gegessen. Soll Carla Dir noch welches machen?“ Ich verzichtete und aß gar nichts mehr. Als ich mich auf meinem Stammplatz am Rand der Couch niedergelassen hatte, erfolgte der Rauswurf. Er knallte einen Kasten auf den Tisch und sagte: „Wir sind zum Spielen beim Nachbarn eingeladen. Komm gut heim!“

Danach ließ ich mich mehrere Jahre nicht mehr sehen.

Eines Tages bekam ich eine Einladung nach Hässwiese.
Ich sollte Freitagsnachmittags da sein. Als ich nach dem Grund fragte, meinte Carla: „Jessicas Geburtstag.“ Das kam mir zwar ein wenig spanisch vor, denn zu ihrem Geburtstag war ich noch nie eingeladen worden, aber ich sagte
zu.

Und was nun folgte, war ausgesprochen lustig!

Ich kam am Freitag um Fünfzehnuhr an. Parkte meinen Wagen am Ende der Straße und ging zum Haus. Vom Küchenfenster, auf der Straßenseite des Hauses, kann man durch das Wohnzimmer auf die Terrasse sehen. Die breite stählerne Jalousie, die abends das Wohnzimmer von der Terrasse aus schützt, war unten. Das war auch so eine Einrichtung, die mit einem Tabu belegt war. Nur Familienmitglieder durften die Jalousie schließen oder öffnen. Ich nicht!
Ich klingelte. Mehrmals. Nichts rührte sich. Als ich schon wieder gehen wollte kam Carla im Bademantel zur Tür. Sie raunzte: „Musst Du ausgerechnet kommen, wenn ich dusche!“ „Ich kann ja wieder gehen.“ „Komm endlich rein, ich will mich nicht erkälten.“ Im winzigen Vorraum, Diele konnte man dies nicht nennen, zog ich meine Schuhe aus. In, an und um die Schuhablage herum lümmelten Dutzende von Schuhen. „Setz Dich.“ Das hätte Carla gar nicht sagen brauchen. Ich setzte mich automatisch auf meinen Stammplatz. Es war dämmrig. Licht kam nur durch ein schmales Fenster von der Carportseite. „Jochen ist noch nicht da.“ Das hätte sie auch nicht sagen brauchen. Sein Auto stand nicht unter dem Carport.
Ich saß etwa eine Stunde herum. Jessica tauchte nicht auf. Carla hatte zu tun. Sie ging mehrmals in die anderen Etagen. Jochen kam. Fuhr sein Auto unter den Carport, später wieder weg. Begrüßte mich aber nicht. Es wurde still im Haus. Als mir die doch ungewöhnliche Stille auffiel, ging ich Jochens Familie suchen.

Ich war allein im Haus!

Wo waren Carla und Jochen? Wo war Jessica?
Unsicher zückte ich mein Handy. Jochen. Es meldete sich die Mailbox. Carla. Kein Anschluss. Jessica – Mailbox. Was sollte ich tun?

Wie kam ich hier raus? Ich versuchte, die Jalousie zu öffnen. Das Mist ding wurde elektrisch bedient und der Kasten war verschlossen.
Das Fenster zum Carport hatte nichts zum Öffnen. Die Haustür war verschlossen.
Ich probierte alle Schlüssel die ich hatte. Keiner passte. Das Küchenfenster war ebenfalls gesichert. Durch das Fensterloch der Gästetoilette passte ich nicht.
Ich suchte in allen Räumen nach einem Schlüssel für die Haustür. Zwischendurch versuchte ich anzurufen. Nichts. Im Abstellraum fand ich schließlich in einer Dose einen Schlüsselbund. Aufatmend stellte ich fest, dass einer der Schlüssel zur Haustür passte. Die Haustür hatte ein Schnappschloss. Ich konnte sie also von außen zuziehen. Nach dem Verschwinden der Familie mussten vielleicht zwei bis drei Stunden vergangen sein, als ich mit meinem Auto Richtung Heimat fuhr.

Auf dem Wohnzimmertisch hatte ich zwei Nachrichten hinterlassen.

Mit einer bedankte ich mich für die Einladung und den angenehmen Aufenthalt.

Auf der anderen, für Jessica hatte ich geschrieben: „Liebe Jessica. Du hattest einmal davon geschwärmt, einen eigenen, vom Vater unabhängigen Computer dein eigen nennen zu können. Ich hatte für Dich einen Geschenkgutschein für einen modernen Computer gekauft. Da Du aber heute, zu Deinem Geburtstag nicht zu hause gewesen bist, nehme ich ihn wieder mit. Für mein vorjähriges Geschenk hast Du Dich noch nicht einmal bedankt! Viele liebe Grüße Opa."

Als ich Hunger bekam, verließ ich die Autobahn und fand einen kleinen Gasthof. Dort freundete ich mich mit der Lehrerin der Dorfschule an. Deshalb blieb ich zwei Wochen im Ort. Den Gutschein schenkte ich der Schule.

Als ich nach Hause kam, quoll mein Briefkasten über.

Des Rätsels Lösung: Jessicas Geburtstag sollte in Spangen bei Cuxhaven gefeiert werden. Dort lebte Oma Mareike. Mareike und ich hatten uns vor vielen Jahren scheiden lassen. Jessica hatte Urlaub und war schon dort. Jochen und Carla wollten mich als Überraschungsgast mitnehmen.
Als sie in Spangen ankamen, fragte Jochen Mareike nach mir. Mareike soll gesagt haben: „Was soll der Kerl hier? Ich hätte mich zwar gefreut, aber schade ist es nicht, dass er nicht da ist. Wie kommt ihr überhaupt darauf, dass er hier sein könnte?“ Da erst dachte Carla an mich. „Opa wird doch nicht noch auf dem Sofa sitzen?“ Jessica meinte: „Bestimmt hat er ein schönes Geschenk für mich dabei. Fahrt schnell zurück und holt ihn.“

Nun gab es erst einmal einen heftigen Ehekrach. Beide beschuldigten sich der Unachtsamkeit. Mareike wollte sich totlachen und Jessica flennte.
Dann versuchten sie mich anzurufen. Während der Fahrt telefoniere ich nie. Deshalb bleibt mein Handy aus.
Danach riefen sie im Haus und bei den Nachbarn an. Ein Straßenbewohner hatte gesehen, dass ich gegen siebzehn Uhr vorbeigefahren war. Entsprechend meiner Fahrweise musste ich schon lange zu Hause sein. Also riefen sie auch bei mir an. Da sie mich nicht erreichten, wurden sie unruhig. Sagten sich aber dann, das Unkraut nicht vergeht und feierten allein.

Als sie am Sonntagabend zurück kamen und meine Nachrichten lasen, ging das Theater weiter. Jessica flennte. Jochen und Carla schrien herum.

Seit dem ist, außer zu den Geburtstagen, Funkstille.

Jessica ruft nicht mehr an. Jochen hat mich noch nie angerufen. Wenn telefoniert wird – Geburtstagsgrüße - dann sprechen nur Carla und ich zusammen."

Nach diesem Bericht verstanden Jasmin und alle anderen, warum sich Karls Miene verdüsterte, wenn über Familienprobleme gesprochen wurde. Rücksichtsvoll wurden sie in seiner Gegenwart nicht mehr erwähnt.

Sehr lange nach diesem Bericht fragte Jasmin einmal, ob sich Karl nicht mit seinem Schwiegersohn versöhnen wolle.

Karl sah Jasmin verdutzt an und sagte erstaunt: „Schwiegersohn, was für einen Schwiegersohn? Ich habe keinen.“


Kurt Meran von Meranien 15.11.2017

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